Eine Frage des Auftritts
Zwischen Sneaker, High Heels und Barfußschuh: Welcher Schuh ist der richtige?
Schwelm. Sneaker im Alltag, Laufschuhe auf der Strecke, Lederschuhe zum Anzug und Flip-Flops am Strand: Unsere Füße wechseln regelmäßig ihr komplettes Arbeitsumfeld. Der Fuß- und Sprunggelenkchirurg Dr. med. Jörn Dohle erklärt, warum es den einen perfekten Schuh nicht gibt, warum bequem nicht automatisch gesund bedeutet und wann weniger Schuh tatsächlich mehr sein kann.
Ende August beginnt in Köln wieder der große Run auf die Gamescom. Hunderttausende Besucherinnen und Besucher ziehen durch die Messehallen, stehen vor den Bühnen, warten in den Schlangen und legen dabei über viele Stunden erstaunliche Strecken zurück. Die Wahl des Schuhwerks dürfte für die meisten trotzdem eher nach Optik als nach Orthopädie erfolgen.
Ein Fehler? Nicht unbedingt, aber möglicherweise eine Entscheidung, die sich spätestens am Nachmittag bemerkbar macht. „Wer einen langen Messetag plant, sollte den Schuh ähnlich sorgfältig auswählen wie ein Läufer vor einer längeren Strecke“, sagt Dr. Jörn Dohle, Spezialist für Fuß- und Sprunggelenkchirurgie. „Nicht, weil eine Messe mit einem Halbmarathon vergleichbar wäre, sondern weil unsere Füße über Stunden hinweg wiederholt belastet werden und das häufig auf hartem Untergrund und mit wenigen Erholungsmöglichkeiten.“
Der Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie weiß dabei durchaus, dass Vernunft beim Schuhkauf nicht alles ist. Er selbst trägt leidenschaftlich gerne Sneaker. Aus medizinischer Sicht ist das häufig eine gute Wahl, jedoch kein Freibrief für jedes Modell mit sportlicher Optik. „Ein Schuh wird nicht dadurch funktionell, dass er wie ein Sportschuh aussieht“, sagt Dr. Jörn Dohle. „Ein guter Sneaker muss zum Fuß, zum Einsatzgebiet und zur Person passen. Entscheidend ist, was im Schuh passiert, und nicht, welches Logo außen zu sehen ist.“
Der Fuß braucht Platz, aber keinen Kontrollverlust
Der menschliche Fuß ist kein starrer Block, sondern ein komplexes Zusammenspiel aus Knochen, Gelenken, Bändern, Sehnen und Muskeln. Ein guter Schuh muss deshalb Bewegung zulassen und zugleich Halt bieten. Besonders wichtig ist ausreichend Platz für den Vorfuß, denn wenn die Zehen seitlich eingeengt werden oder vorne anstoßen, steigt der Druck im Fuß. Dabei sagen vertraute Größenangaben alleine wenig aus, denn Modelle, Marken und Leisten fallen unterschiedlich aus. Auch die beiden Füße sind nicht immer gleich lang oder breit.
„Der Schuh muss dem Fuß passen, nicht der Fuß dem Schuh“, betont Dr. Jörn Dohle. „Druckstellen, Taubheitsgefühle oder Schmerzen sind keine normale Einlaufphase. Ein Schuh, der im Geschäft deutlich drückt, wird zu Hause selten plötzlich passend.“ Die Ferse sollte sicher im Schuh sitzen, ohne dass dieser einschnürt. Klettverschluss, Schnürung oder Riemen ermöglichen eine individuelle Anpassung.
Auch der Zeitpunkt des Schuhkaufs kann eine Rolle spielen, denn Füße können im Laufe eines Tages etwas anschwellen. Wer Schuhe ausschließlich frühmorgens und im Sitzen anprobiert, erlebt beim langen Stadtbummel möglicherweise eine unangenehme Überraschung.
Der Businessschuh: seriös bis zur Schmerzgrenze?
Für viele Männer gehört der klassische Lederschuh zum Businessanzug wie Hemd und Sakko. Gerade schmal zulaufende Modelle bieten den Zehen allerdings oft zu wenig Platz. Eine harte Sohle, geringe Dämpfung und ein steifes Obermaterial können zusätzlich unangenehm werden, wenn lange Wege, Zugfahrten oder Messetage anstehen.
„Ein Businessschuh muss nicht wie ein Gesundheitsschuh aussehen“, sagt Dr. Jörn Dohle. Er ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie (DGOOC) sowie stellvertretender Präsident der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU). „Aber ein seriöser Auftritt verliert nichts dadurch, dass der Vorfuß ausreichend Platz hat.”
Wer im Büro überwiegend sitzt und nur kurze Wege zurücklegt, stellt andere Anforderungen an einen Schuh als jemand, der den ganzen Tag zwischen Terminen, Bahnsteigen und Messehallen unterwegs ist.
Laufschuh gesucht: Die teuerste Dämpfung gewinnt nicht automatisch
Beim Joggen wird die Auswahl noch komplizierter. Neutralschuh, Stabilschuh, Carbonplatte, maximale Dämpfung oder möglichst dünne Sohle: Das Angebot ist groß, ebenso wie die Versprechen. Einen Laufschuh für alle gibt es trotzdem nicht. Körpergewicht, Trainingsumfang, Untergrund, Laufgeschwindigkeit, Fußform, Beweglichkeit und Laufstil beeinflussen die Eignung eines Modells. Hinzu kommen individuelle Beschwerden und mögliche Verletzungen. Auch die bevorzugte Abrollbewegung spielt eine Rolle.
„Ein Laufschuh sollte nicht nach einem Trend ausgewählt werden, sondern nach seiner Funktion“, erklärt Dr. Jörn Dohle. „Wer gerade mit kurzen Einheiten beginnt, braucht möglicherweise etwas anderes als jemand, der regelmäßig lange Strecken läuft.“ Eine starke Dämpfung ist weder grundsätzlich gut noch schlecht. Sie verändert jedoch das Gefühl für den Untergrund und kann die Laufmechanik beeinflussen. Der Schuh sollte den Zehen Platz bieten, die Ferse sicher führen und auch nach mehreren Kilometern noch angenehm sitzen. „Am Ende läuft nicht der Schuh allein“, betont Dr. Jörn Dohle. „Trainingssteuerung, Muskulatur, Regeneration und Lauftechnik sind mindestens ebenso wichtig.“
Barfußschuhe: dünne Sohle, große Erwartungen
Barfußschuhe sind in der Regel leicht und flexibel. Zudem sind sie im Vorfußbereich breiter geschnitten. Sie ermöglichen mehr Bodenkontakt, verändern jedoch auch die Belastung. Wer jahrelang stark gedämpfte Schuhe getragen hat, sollte deshalb nicht sofort das gesamte Lauftraining umstellen. Vor allem die Wadenmuskulatur, die Achillessehne und der Vorfuß können stärker beansprucht werden. „Barfußschuhe sind kein medizinischer Neustartknopf“, sagt der Leitende Arzt der Abteilung für Orthopädie am Helios Klinikum Schwelm. „Der Ehrgeiz ist bei der Umstellung oft schneller als das Gewebe.“ Wichtig ist außerdem der Laufstil. Ein minimalistischer Schuh verändert die Technik nicht automatisch. Anhaltende Schmerzen sind ein Signal, die Belastung zu reduzieren und die Ursache abklären zu lassen.
Einfach barfuß: Training ohne Spezialausrüstung
Wer seinen Füßen mehr Freiheit geben möchte, braucht nicht zwingend neue Schuhe. Kurzes Barfußgehen in der Wohnung, im Garten oder auf einer Wiese kann die Wahrnehmung schulen und die Fußmuskulatur stärken. „Es geht nicht darum, möglichst viel auszuhalten“, erklärt Dr. Jörn Dohle. „Barfußgehen darf ungewohnt sein, sollte aber nicht schmerzen.“ Für Menschen mit Gefühlsstörungen, offenen Stellen, ausgeprägten Fehlstellungen oder bestimmten Grunderkrankungen ist Barfußlaufen jedoch nicht uneingeschränkt geeignet. Besonders bei Diabetes und eingeschränkter Sensibilität sollte vorher ärztlicher Rat eingeholt werden.
Flip-Flops: perfekt für den Strand, weniger für den Stadtmarathon
Flip-Flops sind luftig, unkompliziert und als Badeschuh kaum zu schlagen. Für ausgedehnte Spaziergänge oder lange Tage in der Stadt bieten viele Modelle jedoch zu wenig Halt. Für kurze Wege zwischen Hotel, Pool und Strand sind sie hingegen meist unproblematisch. Wer länger unterwegs ist, ist mit einem Schuh mit sicherem Fersenhalt und festerem Sitz meist besser beraten.
High Heels: Die Dosis macht den Unterschied
High Heels verlagern das Körpergewicht nach vorne und erhöhen den Druck auf den Vorfuß. Je höher und schmaler der Absatz, desto stärker werden meist auch Gleichgewicht und Stabilität gefordert. Vollständig aus dem Schuhschrank verbannen muss man sie deshalb jedoch nicht: „Entscheidend sind Absatzhöhe, Passform, Tragedauer und die individuelle Situation des Fußes.“ Wer bereits unter Ballenschmerzen, Hallux valgus oder Instabilität leidet, verträgt hohe Schuhe häufig schlechter. „Für lange Veranstaltungen kann ein zweites, bequemeres Paar eine gute Lösung sein“, rät Dr. Jörn Dohle.
Und was ist nun der richtige Schuh?
Die Antwort fällt weniger spektakulär aus als viele Werbeversprechen. Es kommt darauf an. Am Strand dürfen es Flip-Flops sein, zum Businessanzug Lederschuhe und für die Laufstrecke ein passender Laufschuh. Für einen langen Tag auf der Gamescom ist ein gut sitzender Sneaker vermutlich die klügste Wahl. Und zwischendurch dürfen die Füße auch einmal ganz ohne Schuhe unterwegs sein. „Unsere Füße brauchen weder permanent maximale Dämpfung noch permanente maximale Freiheit“, fasst der Fußchirurg zusammen. „Nicht jeder Schuh muss alles können, aber er sollte zu dem passen, was wir mit ihm vorhaben.“
Dr. med. Jörn Dohle
Ärztliche Tätigkeit & Funktionen
- Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie in der OGAM Wuppertal
- Leitender Arzt der Abteilung für Orthopädie, Helios Klinikum Schwelm
- Zentrumsleiter des Zentrums für Fuß- und Sprunggelenkchirurgie Schwelm/Wuppertal
- Präsident der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie (DGOOC)
- Stellvertretender Präsident der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU)
Terminhinweis:
20. bis 23. Oktober 2026: Deutscher Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie (DKOU)
Online-Abstract-Einreichung zum DKOU: bis zum 15. Februar 2026.
Weitere Informationen:
Startseite | DGOU
DKOU 2026
DKOU 2026 Trailer
Pressekontakt:
Susanne Herda, Swetlana Meier
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
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